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Pfad-Finder: STARTSEITE > Unser Stamm > Gruppen > Sippe Bayard > Nordost-Großfahrt 2011

Quirk. - Wir sitzen gerade in unserer Kohte und bereiten ein leckeres Reis-Essen vor. Es ist der fünfte Tag unserer großen Fahrt, und wir wollen endlich anfangen, die Chronik zu schreiben.

Unser Kohtenplatz ist ziemlich genial! Auf einem kleinen bewaldeten Hügel, der zu 60 Prozent von einem Feld und zu 40 Prozent von einer Sandstraße umgeben ist. Wir warten also noch immer darauf, dass wir eines Nachts von einer Horde Bauern mit Schrotflinten geweckt werden. Zum Glück reisen wir morgen weiter und suchen uns einen anderen Kohtenplatz.

Aber fangen wir am besten von vorne an...

Wie oft haben die anderen von ihren großen Fahrten erzählt, von Abenteuern und Entbehrungen, von unvergesslichen Erlebnissen in der Fremde mit Freunden. Im Sommer 2011 konnten endlich auch wir dabei sein: die Sippe Bayard. Fredi und Zack und joker und Quirk, mit Koala und Jo unterwegs im Nordosten Mitteleuropas.

Wenn man aufbricht, weiß man nie, was einen erwartet. Podlachien, Litauen, Suwałki, Kaunas: Geheimnisvolle Namen. Der Nordosten, eine geheimnisvolle Richtung, über die man nichts weiß. Eigenartig ist, dass man auch in der besten Chronik nicht festhalten kann, wie es gewesen ist. Wir haben es trotzdem versucht. Für uns. Glaubt nicht, dass ihr nach dem Lesen wisst, wie die Fahrt war. Vielleicht bekommt ihr aber eine Ahnung davon.

29.07.2011

Erster Tag: Dresden - Warschau

Quirk. - Kurz nach Sonnenaufgang betrete ich das Bahnhofsgebäude. Die anderen, die die letzte Nacht im Stammesheim verbracht haben, sitzen schon am Rand der Halle. Nach einer kurzen Pause, die Freddy und ich mit dem Zeichnen von irgendwelchem schrottigen Zeug verbringen, gehen wir los... fünfzig Meter zum Zug, der uns nach Zgorzelec (Görlitz) bringt. Dort steigen wir um in einen Zug nach Wrocław (Breslau) und warten bei sengender Hitze in einem Park auf unseren Zug nach Warschau.

Am späten Abend in Warschau angekommen erwartet uns der absolute Schock! Warschau ist krass. Bunte Lichter überall, moderne Architektur und was auch immer. Nach einer knappen Stunde kommen wir am Stammesheim der polnischen Pfadfinder an, die uns herzlich willkommen heißen und uns mit ihrem Haus vertraut machen. An diesem Abend fallen wir alle einigermaßen zufrieden mit den vier Stunden Verspätung, die wir zusammen gekriegt haben, in die Schlafsäcke.

30.08.2011

Zweiter Tag: Warschau

Zack. - Nach einem ausgiebigen Frühstück gehen die Sippe Bayard und (damals noch) die Sippe Pegasus zu einer Warschau-Stadtbesichtigung. Zuerst mit der von Fe geliebten Tram zu einem alten Kriegsmuseum, wo auf einem recht geringen Gelände viele Kriegsgeräte wie Panzer, Flugzeuge und Hubschrauber zusammengepfercht stehen. Alle Pfadfinder finden sich kurze Zeit später irgendwo verteilt auf dem Gelände. Es dauert einige Zeit, bis die Gruppe wieder vollzählig ist und sich mit großen Metallteilen im Blickwinkel am Rand wieder zusammen findet.

Weiter geht's (wieder mit der Tram) zum Hauptbahnhof, wo Jo abgeholt wird. Mit ihm im Schlepptau schauen wir uns den Warschauer Kulturpalast (von außen) an. Einige (ca. hundert) 14- bis 16-Jährige machen einen recht lustigen Aufstand oder Flashmob um eine südkoreanische Boygroup namens Shinee nach Polen zu holen. Wir aber machen uns auf den Weg ins Museum des Warschauer Aufstands. Und am Ende des Tages lassen wir es uns mit einigen Polnischen Pfadfindern beim Singeabend vor dem Kamin gutgehen.

31.08.2011

Dritter Tag: Warschau - Suwałki - Nowa Wieś

joker. - Jäh wache ich auf, die meisten sind schon wach. Kurze Zeit später gibt es dann auch schon Frühstück. Danach fahren wir in die Warschauer Altstadt und lassen uns ein 20cm großes Eis schmecken. Dann geht es schnell zurück zum Bahnhof, wo wir in den Zug steigen. Nach sechsstündiger Zugfahrt kommen wir in Suwałki an. Jo und Koala gehen erst mal einkaufen, und dann geht es los.

Wir kommen an schönen Seen und Wäldern vorbei, aber die sind alle mit Villen umstanden und bewohnt. Nach langer Suche setzen wir uns an den Straßenrand und Koala und Jo gehen los, einen Platz zu suchen. Kurz bevor sie wieder da sind, hält ein Mann vor uns und fragt, ob wir in seiner Scheune schlafen wollen. In dem Moment kommen Jo & Koala wieder, und sie sagen Ja. Der Mann nimmt uns mit, und wir dürfen in seiner Scheune übernachten.

01.08.2011

Vierter Tag: Nowa Wieś - Stary Folwark (Wigry)

Zack. - Auf weichen Matratzen wache ich auf und überdenke meine Lage: ich bin in einer Scheune, und gleich gibt’s Frühstück.

Nachdem Jo Bekanntschaft mit zwei Zeugen Jehovas geschlossen hat, teilen wir uns auf und ziehen in zwei Gruppen weiter: 1) Koala, Freddy, Quirk, joker und Zack, 2) Jo.

Jo besorgt in Suwałki Ersatz für unseren Hordenpott, der leider am Vortag eine Einzelreise nach Białystok angetreten hat. Die anderen plagen sich auf dem Weg durch den wunderschönen Wigry-Nationalpark mit Mücken und anderem Gefleuch. Unser Frühstück nehmen wir in einer eigenartigen Schutzhütte ein, und weiter geht’s zum Treffpunkt, also da, wo wir mit Jo verabredet sind.

Dort warten wir ungefähr zwei Stündchen auf Jo und lassen uns von den nebenan wohnenden Bauern mit Äpfeln mästen. Als Jo dann kommt, laufen wir weiter zu unserem ersten Kohtenplatz, dieser ist eine Waldinsel in einem Kornfeld: das einzige kohtentaugliche Fleckchen weit und breit. Die Kohte ist rasch aufgebaut, und nach einem zünftigen Abendmahl schlummern wir kurze Zeit später um das erste Kohtenfeuer unserer Fahrt.

02.08.2011

Fünfter Tag: Wigry

Zack. - Och nö! ist der erste Gedanke, als ich von Jo am „viel zu frühen“ Morgen geweckt werde. Warum immer so früh? Heute, erster Pausentag: Wir wollen zwischen all dem Schilf eine Badestelle finden.

Das Wetter spielt mit und nach dem ausgiebigen Frühstück gehen Jo und ich zum breiten Bach, um die Koschis zu spülen, was ganz gut geht, wenn man von den ständig vorbeipreschenden Autos mal absieht. Mit frischen Koschis gehen wir den Kilometer zur Kohte zurück und schleichen uns an den um unser Versteck arbeitenden Bauern vorbei. Nach einiger Planung läuft dann die ganze Sippe in Richtung Campingplatz, der das einzige nicht verschilfte Uferstück des ganzen riesigen Wigry-Sees zu bieten hat.

Zweihundert Meter vor dem See fällt uns auf, dass die Seife fehlt, also laufe ich zurück, um die Kernseife zu holen. Ich begegne zwei nicht sehr nett aussehenden Bauernjungen, die mich auch nicht sehr nett ansehen. Ich renne also zur Kohte und schnappe mir die Seife, soweit, so gut, wieder zurück zu den anderen, die schon auf mich warten. Wir bezahlen die läppischen sechs Złoti Eintritt und genießen den restlichen Tag beim runterditschen von Jo und Koala.

Mit dem Abendessen müssen wir uns eine lange Weile gedulden, denn zwei andere Bauernjungen haben uns vielleicht gesehen, als wir den Blick von unserer erhöhten „Waldinsel“ über die Felder genießen wollten. Erst, als das letzte Motorengeräusch der Traktoren verklungen ist und es draußen düster wird, schüren wir das Kohtenfeuer und gönnen uns ein festliches Mahl.

03.08.2011

Sechster Tag: Stary Folwark - Pogorzelec

Koala. - Es ist Mittwoch und wir laufen bei schönstem Sonnenschein mittags durch das nordöstliche Podlachien. Weg von Stary Folwark, weg von den Touristen. Es ist der erste richtige Wandertag unserer Fahrt, wie ich finde. Wir haben die Ausläufer von Suwałki, die russischen Bonzen und die Zivilisation verlassen.

Die Häuser sind nurmehr kleine Höfe und Scheunen. Das ist das Fahrtengebiet, das ich mir vorgestellt habe. Wir erklimmen die sanften Hügel und freuen uns über den Wind auf den Feldern, denn dieser vertreibt die Mückenbrut.

Jo läuft vor mir und spielt eines der vielen Lieder, die wir schon so oft gemeinsam gesungen haben. Oft im Keller unseres Stammesheimes, doch hier, an den Rand der Straße, gehören sie hin. Es fühlt sich anders an, sie zu singen, und sie bringen uns in einen Rausch für unsere erste Etappe.

Dass Jo dabei ist, ist eine wahre Bereicherung für die Gruppe. Ohne sein musisches Talent und ohne die bedächtige Stimmung, die er zu schaffen vermag, würde etwas fehlen. Schwer vorzustellen, wie es dann wohl wäre.

Im straffen Schritt durchfahren wir das podlachische Hinterland und entdecken an einem Feld zwei einzelne, verlorene Kreuze. Die Sipplinge warten, und Jo und ich erkunden den Platz. Es handelt sich um einen kleinen Friedhof, der wohl zu dem kleinen Gehöft nebenan gehört. Wir beschließen, dies für uns zu behalten und für eine kleine Geschichte zu nutzen.

Als wir zurück kommen, treffen wir auf eine von der Feldarbeit kommenden Gruppe. Darunter eine ca. zehnjährige Pfadfinderin aus Darmstadt, die für uns übersetzt. Kleine Welt! Wir schlagen die Einladung aus, gegen Geld eine Fotogalerie zu betrachten, und ziehen weiter. Die Sonne steht schon tief! Am geplanten See angekommen die Ernüchterung: Der Wald ist privat oder versumpft. Nach langer Suche und einer Runde Reibeplätzchen mit Apfelmus, welche wir geschenkt bekommen, entschließen wir uns, Zuflucht in der Kirche zu suchen.

Wir machen schnell das Pfarrhaus ausfindig und sprechen den Pfarrer an. Die Kommunikationsprobleme werden mit einem Dolmetscher am Handy gelöst, und nachdem der Pfarrer verstanden hat, dass wir keine Pilger, sondern Pfadfinder sind, lässt er uns genötigterweise im Keller schlafen. Begeisterung sieht anders aus.

04.08.2011

Siebter Tag: Pogorzelec - Jezioro Zelwa

Quirk. - Ich stehe auf... Wow! Endlich mal ein bisschen Licht am Fenster dieses düsteren Verlieses! In der Nacht und am Abend war es wirklich schweinedunkel! Wir stehen auf und machen Pläne, die wir kurz darauf auch umstzen: Nämlich nach Giby trampen und dann mal weiter sehen. Also stehen wir später mit Jo und seinen kaputten Füßen am Straßenrand und warten. Bald kommt auch schon das erste Auto. Es ist ein polnischer Deutschlehrer mit seinem Sohn, der uns mit Freuden mitnimmt. Als wir in Giby einen Laden gesucht und gefunden, unsere Vorräte aufgefüllt und auf die anderen (die wahrscheinlich laufen mussten) gewartet haben, frühstücken wir erst einmal ausgiebig mitten in der gemeinsamen Einfahrt von Rathaus, Bank und Polizei... so muss das sein!

Etwas später laufen wir weiter und suchen nach vielleicht fünf oder sechs Kilometern einen Zeltplatz, den wir auch bald finden. Quirk, Zack, Freddy und joker bauen zum ersten Mal in ihrem Leben alleine die Kohte auf und verbringen den restlichen Tag im Wasser.

05.08.2011

Achter Tag - Jezioro Zelwa

Quirk. - Ein schöner neuer Tag! Ich stehe auf und der erste Gedanke ist: Hunger! Also machen Zack, Freddy & ich Porridge mit Zucker und Zucker... und noch mehr Zucker. Danach räumen wir die Kohte auf, während Koala und Jo in die Stadt zum Einkaufen fahren. Unsere Idee für die Zeit des Tages: ein Floß bauen. Joker und Zack finden kurz darauf auch schon einen alten Steg, den man verwenden kann. Das einzige Problem bzw. die einzigen Probleme:

  1. Der Steg ist ein übergroßer Flickenteppich.

  2. Er besitzt trotz des untergebauten Stammes von 50 Zentimeter Durchmesser absolut keinen Auftrieb.

  3. Nägel überall.

Trotzdem beginnt Zack frohgemut, den Steg mit dem Beil auseinanderzunehmen. Dabei wird ihm von einem freundlichen alten Mann geholfen, der später noch „Freizeitopi“ aufgrund seiner Freizeitaktivitäten (Schwimmen, Windsurfen) getauft wurde. Wenig später haben wir den Steg in mundgerechten Teilen an Land gebracht. Etwas später allerdings kommen auch schon ein paar Camper, die die Bretter zum Wiederaufbau und zur Restaurierung des bereits vorhandenen Stegs nutzen, ohne uns zu fragen. Das wird uns dann irgendwann zu viel und wir gehen zurück zur Kohte. Mit Pesto, Piratenliedern und einer Gruselgeschichte von Jo über zwei Kreuze im Feld geht auch dieser Tag zu Ende.

06.08.2011

Neunter Tag: Jezioro Zelwa

Jo. - Heute spüren wir es alle, das schleichende Gift mancher Fahrt: die Jungs, weil es ihre erste Großfahrt ist und die Erwartungen in den letzten Wochen und Monaten ins unermessliche gestiegen sind. Koala und ich, weil wir wissen, was passiert, wenn die alltäglichen Abenteuer und Höhepunkte der Fahrt zur Routine geworden sind: singend die Straße entlangziehen, bis man Füße und Schultern nicht mehr spürt. Gemütlich in der eben hochgezogenen Kohte hocken. Die Freude einer wunderbar einfachen, aber sättigenden Abendmahlzeit. Das Glück eines Pausentags nach langem Marsch. Zuletzt haben wir uns alle darauf gefreut, endlich ein einigermaßen unberührtes Stück Ufer samt Kohtenplatz zu finden, um einmal nach Herzenslust baden zu können. Das hatten wir jetzt, wir haben es hingebungsvoll ausgekostet, haben es uns richtig gutgehen lassen hier am Zelwa-See. Das also soll Großfahrt sein. Nicht mehr? Geht es jetzt so weiter, abwechselnd Groß- und Kurzetappen und Pausentage, schwimmen und essen? Niemand spricht es aus, aber wir sehen uns an, dass alle diese Frage mit sich herumtragen beim Gedanken an morgen, übermorgen und den Rest der Fahrt. Unleugbar: Uns ist langweilig.

Eben noch schienen alle fröhlich und ausgelassen, plötzlich aber steht einer der vier abseits, böse Worte sind gefallen. Sippenpalaver: Der Streit ist schnell ausgeräumt, aber niemand mag mehr ins Wasser, und der Gedanke morgen weiterzulatschen bis zum nächsten Touristennest erscheint auch mir nicht besonders attraktiv. Wir hätten gleich heute morgen aufbrechen sollen, denke ich, in aller Frühe. Jetzt ist mit dem Tag nichts mehr anzufangen.

Dann fällt mir plötzlich ein oft gesungenes Lied ein: Genug nun der Ruhe, die Rast zeugt nur Rost; und gleichzeitig ein Gespräch, das wir vor ein paar Tagen geführt haben - eine Fahrt ist wie eine Erzählung, sie folgt ihrer eigenen Dramaturgie. In diesem Moment nimmt Koala mich beseite, und auf einmal ist das einfachste Gegengift zum Greifen nah. Das Abenteuer wartet, aber es lässt sich nicht suchen. Die große Fahrt erfordert Hingabe an das Unbekannte, das vor uns liegt. Nur aus dem Wagnis erwächst Abenteuer.

An diesem Tag kauern wir in den Schlafsäcken, noch bevor sich die podlachische Sonne in den Wipfeln des großen Waldes verkrochen hat.

07.08.2011

Zehnter Tag: Nachtfahrt nach Litauen

Jo. - Ich wache auf, und es ist dämmrig in der Kohte. Aus der Asche kringeln sich noch Rauchfäden, und um meinen Kopf summt eine Fliege. Aber etwas ist anders als sonst. Ich setze mich auf: Die Kohte ist halbleer, nur Koala und joker schlummern noch. Das dunkelblaue Viereck über uns wird langsam finsterer. Ich höre die Stimmen von Freddy, Quirk und Zack draußen – sie sind schon auf und unterhalten sich im Flüsterton neben dem Zelt.

Unsere Kohte: Zwei Nächte und zwei Tage hat sie hier gestanden, war uns Schutz und Mittelpunkt unseres ersten Lagerplatzes an einem See, gestern Abend bebte sie von unseren Piratenliedern, aber bald, in einer halben Stunde, gleich – jetzt: steht sie nicht mehr. Wo sie stand, stehen wir mit unseren Tornistern, mit Klampfen und Wimpel und mit einer Fackel, die gleich erlöschen wird. Mitternacht ist gerade verstrichen. Es ist finster, und wir gehen los.

Der breite, sandige Waldweg leuchtet hell im bleichen Licht des zunehmenden Mondes. Als wir nach einer Strecke Weges aus dem Wald ins Feld treten, sehen wir über uns den Sternenhimmel. Sterne, wie man sie in der Stadt nie und auch in der Umgegend Dresdens nur selten zu sehen bekommt. Tief über dem nachtschwarzen Horizont glimmen die Pleiaden, das Siebengestirn, nach dem ich in so dunklen Nächten stets Ausschau halte und das mich, wenn ich es entdecke, immer ein wenig fröhlich macht – Siebengestirn, Kleinod am nächtlichen Himmel. Ich zeige es den anderen, und Koala zeigt den Jungs, wie man den Polarstern findet und Norden bestimmt. In dieser Nacht werden wir keinen Kompass brauchen.

Wir kommen gut voran. Auf dem Wegstück vor dem Dorf – Zelwa – singen wir ein paar Lieder. Dann bei den ersten Häusern etwas Unsicherheit über den Weg; die Karte taugt nichts, Brücken, Bäche und Waldstreifen sind falsch eingezeichnet. Aber wir finden den Abzweig hinter Zelwa nach Nordosten. Alle sind guter Dinge, als wir in den Waldweg einbiegen, und die Schilder dort lassen uns gespannt und wachsam werden: Uwaga, Elche. joker hält sich nahe bei Koala und mir, denn er hat gehörig Respekt vor den riesigen alten Tieren, von denen wir manches Mal voll Ehrfurcht gesprochen und gesungen haben. Wir rechnen freilich nicht damit, einen Elch zu sehen, aber auch wir sind wachsam, und später wird zumindest ein kräftiger Rehbock vor uns den Waldweg kreuzen. Aber zunächst bleibt es still, wir laufen durch die Nacht und wissen: fünf, vielleicht sieben Kilometer geradeaus bis zur nächsten Gabelung. Der Wald verschluckt uns, der Boden federt unter den Füßen, die nach dem Pausentag erst jetzt wieder zu schmerzen beginnen. Zack und Freddy fällt der Weg heute am schwersten. Zack, weil ihm der Hüftgurt fehlt und die Schultern alle Last tragen müssen, und weil er seine Kräfte nicht aufteilt. Immer wieder geht er schnellen Schrittes voran, bleibt dann gebückt stehen und stützt sich auf die Knie, um die Schultern kurz zu entlasten, bis wir aufgeschlossen haben. Er tut mir wegen des fehlenden Hüftgurtes leid, es ist kein Vergnügen, so zu gehen. - Freddy trägt heute den schwersten Rucksack der vier Jungs. Wir haben das Essen für vier Tage und fünfzehn Liter Wasser dabei.

Als wir um kurz nach vier an der Weggabelung die Rucksäcke absetzen und uns daneben ins feuchte Gras fallen lassen, sind wir über drei Stunden gelaufen ohne stehenzubleiben. Im Osten, wo die Schotterstraße bis zum Horizont führt, sind die Sterne verschwunden, und wir können einander allmählich deutlicher erkennen. Der Morgen graut bald.

Eine Viertelstunde, länger können wir nicht rasten. Eine Mettwurst für jeden und eine Tafel Schokolade für alle. Koala und Zack stehen schnell wieder und kabbeln sich auf dem Weg. Dann hat uns die Straße wieder. Sie ist breit, wir können alle nebeneinander gehen. Schnelle und weit ausgreifende Schritte. Ich schlage die Klampfe, und jetzt singen alle mit. joker hält Schritt, und auch Quirk, Zack und Freddy, im Singen bringen wir Kilometer um Kilometer hinter uns, alle gemeinsam, im Singen hört die Zeit um uns auf zu sein, Morgengrauen, alles grau und still und endlos um uns: Endlos lang zieht sich die Straße... und dann: Neuer Tag wird Sonne bringen, Sonne ruft das junge Leben, als just in diesem Moment die ersten Strahlen durch die Bäume brechen und wir auf eine breite Lichtung treten, unterm Schlagbaum hindurch, bis in die Mitte, wo der Pfahl übermannshoch ragt: die Grenze. Wir sind in Litauen.

Plötzlich wird alles anders, zumindest kommt es uns so vor: der Wald nicht mehr dicht und abweisend, sondern licht, durchmischt mit Birken, sonnendurchflutet, einladend. Die ersten Hügel seit Tagen. Die Luft riecht nach Kräutern, Birken, Moos – oder einfach nach Morgen.
Und mit der Dämmerung verfliegen unsere Kräfte. Die Schritte werden schwerer, unser Trupp zieht sich über hunderte Meter auseinander. Besonders Freddy und Quirk haben jetzt ihre schwere Zeit. Fuß um Fuß voreinanderzusetzen fällt umso schwerer, als die Sonne zu brennen beginnt, die Kleider kleben und noch kein Kohtenplatz in Aussicht steht. Die auf der Karte eingezeichneten Seen wollen und wollen nicht auftauchen. Keine Häuser, keine Menschen, nur der Wald und der Weg und wir. Und die bleierne Müdigkeit.

Irgendwann lassen wir uns fallen am Wegrand. Die Jungen sacken augenblicklich weg. Koala und ich werfen uns einen Blick zu, dann sind wir auf den Beinen. Ohne Rucksack geht es sich ein wenig leichter. Da schimmert es blau durch die Bäume, vierzig Meter tiefer und zweihundert entfernt. Der schönste See unserer Fahrt, kreisrund im Wald, tief in einem Kessel, hoch ragen Kiefern an den Rändern empor. Wir versuchen, einen Zugang zu finden, einen Steg durchs Schilf, aber der einzige Steg scheint privat zu sein. Wir versuchen, um den See herum zu kommen, aber er ist größer als gedacht, der Waldweg führt tangential vom Ufer weg, keine Möglichkeit mehr zum Abstieg, und jetzt verliert sich der Weg im Unterholz. Wir schlagen uns durch, Zecken hin oder her, kommen in eine Wiese, und da sind plötzlich Bremsen da, nicht einzelne, sondern hunderte, Pferdebremsen, Koalas Rücken und Waden vor mir sind schwarz. Trotz schmerzender Füße beginnen wir zu rennen, schlagen um uns, Sprint, Verzweiflung, keine Chance gegen dieses grünschwärende Heer – da plötzlich vor uns ein Haus, ein Hof, ein Mann, der mit einer Dose auf uns zu läuft und uns in eine stinkende Wolke hüllt. Die Bremsen lassen ab. Wir bekommen einen starken türkischen Kaffee, den stärksten meines Lebens, wir mir scheint, und kaltes, klares Brunnenwasser. Die Lebensgeister kehren zurück. Als wir bald darauf vom alten Corwey zu den anderen zurückgekehrt sind, haben wir unsere zehn Extrakilometer voll.

Der Rest des Tages verschwimmt undeutlich. Wir finden eine Wiese am See mit Steg. Wir ziehen die Kohte hoch. Wir springen ins kühle, erfrischende Wasser. Wir liegen in der Abenddämmerung in der Kohte und schlafen ein. Später werde ich noch einmal wach, höre das Trommeln des Wolkenbruchs und dumpfe Donnerschläge direkt überm Talkessel. Fahl zuckt es durch die Kohtenbahn, aber ich bin sofort wieder eingeschlafen – wie alle.

Der längste Tag der Fahrt ist vorbei.

08.08.2011

Elfter Tag: Am tiefsten See

Jo. - Nach vierzehn Stunden Schlaf sind wir alle wieder genug bei Kräften, um uns einem wahren Festtag zu widmen: Freddy wird 14! Deswegen springen wir mindestens 14 Mal in den See und verbringen den restlichen Tag mit Zubereitung und Verzehr eines feinen internationalen Menüs: deutsche Tütenzwiebelsuppe, gebackene Wild-West-Bohnen, lappländisches Kachko nach tuskschem Rezept mit Butter und Salz wie frisch aus Nischni Nowgorod, schließlich selbstimportierten podlachischen Geburtstagsbaumkuchen mit Vanillesoße, die in einem kurzen früherem Leben ein Pudding gewesen sein mag. Das alles am tiefsten, schönsten und einsamsten See Litauens: kein Mensch kommt heute vorbei, und erst recht hören wir keinen Motorenlärm - woher auch! Dass die nächste Straße zwanzig Kilometer entfernt vorbeiführt, ahnen wir heute nur.

Wir sind in einem der verlassensten Winkel Europas gelandet, nicht weit von der bedrohlichen weißrussischen Grenze, hinter der die Diktatur noch Bestand hat. Anders als hier. Ich muss an Czesław Miłoszs „Tal der Issa“ denken, die zwar ein paar hundert Kilometer entfernt durch Litauen fließt; aber ein aus der Welt gefallenes, abseitiges Stück Land ist auch dieser südwestlichste Zipfel des kleinen Landes, das im Mittelalter Osteuropas größtes Reich war. Ich erkenne Miłoszs Heimat trotz der Distanz wieder und ich spüre ihren Zauber, als wären die verschmitzten Teufel der Issa mittlerweile an unserem kleinen, tiefen, verträumten, verlassenen Kauknoris Baltas heimisch geworden.

Frisches Wasser holen Zack und Quirk vom alten Corwey, den die Jungs so getauft haben wie den alten Mann in unserer Fahrtengeschichte „Die Rote Hand“. Den Rest des Tages lauschen wir Koala, der Kapitel um Kapitel aus diesem Buch vorliest, und die Vier wollen immer wissen, wie es weitergeht. Am Abend müssen wir sie bremsen, damit für die letzten Tage der Fahrt noch genügend Seiten übrig sind.


09.08.2011

Zwölfter Tag: Kauknoris Baltas - Veisiejejis

Quirk. - Heute werden wir den tiefsten See Litauens links liegen lassen und weiterziehen. Wir statten dem See einen letzten Besuch ab und ziehen ab. Auf dem Weg besuchen wir noch einmal den alten Corwey und singen ihm zwei Strophen „Bella Ciao“, denn wir sind sicher, dass er irgendwann vor langer Zeit als Partisane gegen die Nazis gekämpft hat. Nachdem wir knapp drei Kilometer gelaufen sind, die uns dieses Mal sehr schwer fallen, machen wir die erste Pause. Das ist peinlich... wir gehen noch drei Kilometer weiter und ich kann überhaupt nicht mehr.

Doch durch Zufall finden wir einen netten Typen mit einem coolen Auto (ein Jeep mit affiger Federung), der uns zu einem ebenso coolen Kohtenplatz an einem riesigen See mit Ruderbooten, einem Segelboot und dem besten Plumpsklo der Welt bringt. Wir ziehen die Kohte schnell hoch, lassen uns von unserem Gastgeber noch einmal gratis über den See segeln und testeten noch oft das Plumpsklo.

10.08.2011

Dreizehnter Tag: Veisiejejis

Jo. - Wir haben nichts mehr zu essen. Deswegen gilt es heute für mich, zum nächsten Laden zu trampen und einzukaufen - so der gestern gefasste Entschluss. Doch unser sonst schweigsamer Gastgeber wird von einem sarkastischen Lachanfall geschüttelt, als wir ihm von unserem Plan erzählen. Ein Supermarkt? Trampen? Where do you think you are? This is Africa! Savage country! Er hat sich angeboten, mich in aller Frühe in die zwanzig Kilometer entfernt gelegene Kreisstadt zu fahren, und ich habe dankend angenommen, obwohl wir schmunzelnd vermuten, dass er gehörig übertreibt.

Bereits um halb sieben in der Frühe bin ich wie vereinbart unterwegs zu seiner Hütte hinter dem Hügel. Erst als sein Jeep Meile für Meile über unebene Sandpisten jagt, wird mir klar, wie recht dieser seltsame Kauz hat - wie weit wir uns in den vergangenen Tagen aus dem hochzivilisierten Europa entfernt haben: Keine Menschen, keine Häuser, keine Schilder, kaum Anzeichen von Landwirtschaft, erst kurz vor Ladzijai ist die Straße wieder asphaltiert. Während der Fahrt begegnet uns kein Auto, und ich bin plötzlich sehr dankbar, all die Kilometer heute nicht mit vier hungrigen Jungs und knurrendem Magen laufen zu müssen.

Der Einkauf geht schnell, aber ich kann mir keinen frischen Filterkaffee gönnen, denn mein Chauffeur steht Schritt auf Tritt neben mir. Auf der Rückfahrt komme ich unerwartet doch noch mit ihm ins Gespräch, höre von seiner kleinen Bootswerft, von ausbleibenden Erfolgen und von tiefer Enttäuschung über die Menschen in diesem Streifen Land, der uns so malerisch vorkommt. Aber zurück nach London, wo er früher gelebt hat? Nein, das will er auch nicht.

Plötzlich hält er, bedeutet mir leise zu sein und deutet auf die Wiese zwischen Sandweg und Waldrand. Dreißig Fuß entfernt harrt ein Schwarzstorch, unbeweglich, bereit in jedem Moment aufzufliegen. Aber nichts geschieht. Wir sind es, die schließlich weiterfahren. Bis zum Lager begegnen wir keinem Menschen.

* * *

Quirk. - Dieser Tag beginnt mit einem Müslifrühstück der Extraklasse. Kurz darauf sind wir angezogen und sitzen in unserem aufgemotzten Ruderboot und kurven durch die Kante. Den weiteren Tag verbringen wir mit Glücksspiel (Gewinn: 2,50 zł), Ruderbootentern und Schwimmen. (Seerosen sind uncool...) Der Abend endet in der Kohte mit jeder Menge Humor, Gelächter und drei Kilo Fleisch.

11.08.2011

Vierzehnter Tag: Veisiejejis - Veisiejai

Quirk. - Es ist noch früh, und ich wache in der Kohte auf. Es ist zu früh! Die anderen schlafen noch. Dafür ist etwas anderes erwacht, ich fühle es sogar durch den Schlafsack: die eiserne Kälte!

Ich erwache zum zweiten Mal – hab ja gar nicht gemerkt, dass ich beim ersten Mal wieder weggepennt bin... naja, egal. Alle sind wach, und wir bauen die Kohte ab. Gerade fällt mir auf, dass es gar nicht mehr sooo kalt ist, als der Wind plötzlich zu Wehen anfängt. In Juja, Takel, Kluft und T-Shirt esse ich mit den anderen Frühstück, doch mir ist immer noch kalt. Als es kurze Zeit später auch noch zu Regnen anfängt, habe ich gestrichen die Schnauze voll, aber Koala und Jo wollen natürlich sofort los. Sklaventreiber! (Dieser Fluch wurde in der Größe verfasst, die manche Erwachsene nicht mehr lesen können! Ich bin furchtbar böse!) Ich gehe gerade noch einmal auf den Hügel, auf dem unsere Kohte stand, um alles zu überprüfen, da hüpft mir schon der erste über den Fuß. Froggycounter: 1.

Wir laufen bereits seit einigen Minuten und ich bin gerade dabei ein wenig Schwung zu bekommen, nachdem ich die ganze Zeit bisher mit Freddy und Zack über Minecraft verquatscht habe, da sehe ich auf der Straße genau zwischen zwei Reifenspuren den nächsten – miniklein und putzig. Forggycounter: 2.

Den Rest der ca. zwölf Kilometer Sandstraße nach Veisiejai bleiben wir nicht mehr stehen, und so verfliegt er ganz schnell. Wir kommen endlich im ersten Dorf Litauens an, Veisiejai. Froggycounter inzwischen: 5. Wir lassen uns neben einem Laden ins Gras fallen, und mein Froggycounter steigt auf 6.

Nach einem kleinen Imbiss gehen Zack und ich auf die Suche nach

  1. einem potenziellen Schlafplatz,

  2. einer Wechselstube, weil wir kein litauisches Geld haben und von Jo & Koala keins gekriegt haben,

  3. einem Laden, der Euros oder Złotys nimmt.

Erschütterndes Ergebnis: Nichts. Null. Nada. Niente. Wir haben nix gefunden. Eine halbe Stunde später spricht uns ein netter junger Mann an, und es stellt sich heraus: Er hat einen Schlafplatz für uns! Eine große Halle im Stadtpark.

Dort angekommen richten wir uns häuslich ein und suchen sofort nach einer Toilette. Diese war schnell gefunden, aber das Pissoir war die pure Müllkippe, und die Klos waren ein Fall für sich. Der Abend verfliegt schnell: Wir vergnügen uns noch ein wenig mit der Dorfjugend, für die wir ein paar fetzige Reißer auflegen, und schlafen dann beruhigt ein.

12.08.2011

Fünfzehnter Tag: Veisiejai - Kaunas

Quirk. - Dieser Tag beginnt früh, denn wir wollen den einzigen Bus von Veisiejai nach Kaunas kriegen. Wir stehen auf und packen unsere Sachen. Dann gehen wir zur Bushaltestelle, an der Jo und Koala erstmal im Sowjetpub Kaffeetrinken gehen und unsere Paprika dreimal auf den ekelhaft riechenden Boden fällt.

Der Bus kommt, und wir sind erstaunt... und bis in die Grundfeste erschüttert. Ein mickriger, vollgestopfter Kleinbus! Nach einer strapaziösen mehrstündigen Fahrt, deren Details ich mir erspare, erreichen wir Kaunas. Nach Jos Aussage laufen wir zwanzig Kilometer vom Busbahnhof bis zum Stammesheim der litauischen Pfadfinder. Seltsamerweise verringert sich die Distanz nach meinem Empfinden jedoch um 19,5 Kilometer, während wir laufen.

Das Stammesheim samt Betten, Dusche, Küche (der Wasserkocher macht Wasser in 15 Sekunden heiß!!!) wird uns von einer netten Pfadfinderin gezeigt. Nach einer Dusche gehen wir dann noch in die Altstadt von Kaunas, um unsere stinkenden Klamotten zu waschen, aber wir finden keinen Waschsalon, was auch ganz gut ist, denn statt dessen erwischt uns ein monsunartiger Wolkenbruch, der uns bis auf die Haut durchnässt. So finden wir uns schließlich in den übelriechenden, aber trockenen Wechselklamotten in einer urigen litauischen Altstadtkneipe und lassen es uns dort richtig gut gehen mit Cepelinai, Pilzomelettes, Joghurtcocktails und anderen Leckereien. Im Mercedestaxi lassen wir uns zurück ins litauische Stammesheim kutschieren, wo der Tag dann mit einer dritten Dusche für jeden zu Ende geht.

13.08.2011

Sechzehnter Tag: Kaunas

Quirk. - Der erste richtige Tag in Kaunas. Ich wache auf und bemerke sofort den Unterschied: Unter mir ist nicht mehr die harte Isomatte, sondern eine weiche Matratze. Ich warte, bis Zack mit Duschen fertig ist, und gehe dann selbst. Unter Körperreinigungsgesichtspunkten ist das um Weiten besser als in einen algigen See zu springen, der ja auch seinen komplett eigenen Geruch hat.

Kaum bin ich fertig, steht auch schon joker in der Tür. Ich gehe zu Zack und Fred in den Aufenthaltsraum. Gemeinsam entdecken wir das Spiel „Risiko“ und wollen uns gerade die Regeln durchlesen - da die Ernüchterung - das Spiel ist komplett auf Litauisch. Doch mit ein paar Figürchen wie Kanonen, Reitern und Musketieren sowie einer Weltkarte kann man doch etwas einigermaßen Passables aufstellen. Koala und Jo machen sich inzwischen allein auf den Weg in die Altstadt, während wir den ganzen Tag Zeit haben und uns nur um Einkauf und Kochen kümmern müssen. So spielen wir eine Weile, bis wir einkaufen gehen. Wir gehen auf die „Akropolis“, von uns „Agropolis“, aggressive Stadt, getauft, ein Riesensupermarkt, der Zack an Amerika erinnert. Im MaXima findet sich alles außer Eier, die wir systematisch suchen, was uns später kein glauben will, und Waschpulver.

Wenig später verlassen wir die Agropolis. Es regnet schon bedrohlich, doch eine Minute später hat sich alles verzogen. Wir schließen das Stammesheim auf, laufen in den zweiten Stock und lauschen nur prophylaktisch... nichts zu hören. Umso größer ist das Erstaunen, als wir die drei litauischen Pfadfinderinnen im Versammlungsraum entdecken. Über kurz oder lang stellt sich heraus, dass die drei nur hier sind, um sich mit uns zu treffen. Also trinken wir ein bisschen Tee mit ihnen und unterhalten uns über Pfadfinder in Deutschland & Litauen.

Nach einer Weile fangen wir an zu kochen. Das wird schon durch das Beisein der Pfadfinderinnen nicht gerade erleichtert, denn ob sie es wollen oder nicht, immer wieder lenken sie uns ab, was allerdings auch den Spaßfaktor hebt. Zusammen bringen wir ihnen „Deine Mudda“ bei, was zu weiteren Lachsituationen führt. Leider verläuft nicht der ganze Tag so spaßig, denn es kommt auch zu Streitigkeiten, die erst später wieder behoben werden. Aber das muss nicht unbedingt erzählt werden. Zusammen machen wir Abendessen: Nudeln mit irgendeiner Soße und Hühnchen.

Während wir auf Jo & Koala warten, spielen wir wieder „Risiko“ nach Bayardscher Spielweise. Dabei kommt es durchaus zu Sprüchen wie: „Wenn sie nicht bald da sind, fang ich schon mal an zu essen!“ Dummerweise kommen sie nicht bald und auch die Schlichtung des Streits, von dem ich schon erzählt hatte und der bis jetzt gedauert hat, braucht seine Zeit.

So schlemmen sich sechs Pfadis in Kaunas durch ihr Futter. Der Abend wir noch ver-“risikot“ ...wir könnten das ewig weiterspielen.

 

14.08.2011

Siebzehnter Tag: Kaunas

Jo. - Unser zweiter Tag in Kaunas, der heimlichen Hauptstadt von Litauen, beginnt mit langem Ausschlafen. Wir haben Glück, dass wir nicht in einem der von Plattenbauten beherrschten Randbezirke untergekommen sind: Das litauische Pfadfinderzentrum liegt in einer kleinen, nicht zu heruntergekommenen Villa, in der wir uns vom ersten Moment an zu Hause gefühlt haben. Von unserer ruhigen Seitenstraße läuft man keine fünf Minuten bis zur „Allee der Freiheit“, der Hauptflaniermeile, an deren anderem Ende die Altstadt mit ihren verwinkelten Gässchen und niedrigen Bauten nordischen Stils beginnt. Mit Koala bin ich gestern schon stundenlang durch die Straßen und Höfe gestreunt, und heute wollen wir mit Jungs losziehen und ihnen zeigen, dass Kaunas mehr zu bieten hat als ein Risikobrett und warme Duschen.

Ob wir immer noch so übel riechen? Unsere Kleider haben wir gestern morgen mit der Hand gewaschen – schwarze, säurehaltige Tunke nach jedem Waschgang! Wir fühlen uns jedenfalls ein Stück sauberer, als wir uns gegen Mittag ausgehfertig machen. Die anderen sitzen noch im Aufenthaltsraum, und ich will gerade noch einmal in unser Zimmer im zweiten Stock, als ich seltsame Laute aus dem Erdgeschoss höre. Wir haben das Haus für uns, denn es ist Wochenende, und unten befindet sich nur ein kleines Flüchtlingshilfsbüro des Internationalen Roten Kreuzes. Wer sollte da mit seltsam krächzender Stimme „Hallo, hallo“ rufen?

Es ist ein vielleicht 65-jähriger Mann in abgerissener Kleidung, der wankend am unteren Treppenabsatz steht und mit blutüberströmtem Gesicht zu mir hochsieht. Er sagt etwas auf Litauisch und deutet auf die große Platzwunde auf seiner Stirn, aus der frisches Blut auf die Fliesen tropft. Während Koala sich um den Alten kümmert, versuche ich den Notruf zu verständigen: Erst beim zweiten Anruf reicht man mich an jemanden mit Englischkenntnissen weiter. Bis ein Krankenwagen vorfährt, vergeht eine lange halbe Stunde, in der wir den Alten vom gefährlichen Wegdämmern abhalten. Die Ärztin scheint ihn zu kennen, sie ist wenig überrascht über seinen Zustand, lässt ihn aber zu unserer Beruhigung ins Krankenhaus bringen. Wir rätseln auf unserem Weg in die Stadt, was ihm wohl widerfahren sein mag: Ist er im Rausch gestürzt, oder wurde er zusammengeschlagen? Wir werden es nie erfahren.

Den Rest des drückend heißen Tages verbringen wir mit dem Besuch einer riesigen modernen Basilika, auf deren Dach fußfaules Volk auch mit dem Aufzug gelangen kann. Wir nehmen die Treppe und fühlen uns durch den grandiosen Blick und eine erfrischend kühle Brise angemessen entlohnt. Danach wieder hinunter in die Altstadt, wo wir uns vor dem Burggraben postieren, um unsere Fahrtenkasse durch den Vortrag einiger Lieder aufzubessern. Das Ergebnis ist einigermaßen enttäuschend, aber wir lassen uns davon die Laune nicht vermiesen. Nach dem herrlichen Sonnenuntergang – unserem letzten in Kaunas – genießen wir ein rabattiertes, aber recht opulentes Pizza-Pasta-Mahl und spazieren satt und gut gelaunt zurück zu unserem Heim.


 

 

15.08.2011

Achzehnter Tag: Kaunas - Giżycko

Jo. - Lebwohl, Litauen! Um kurz nach Mittag sitzen wir im einzigen Zug des Tages Richtung Westen. Dass wir nach höchstens zwei Stunden jene Grenze passieren, die uns vor einer Woche wie aus der Welt gefallen vorkam, dass wir nach einer weiteren Stunde wieder die rot-weißen Industrietürme Suwałkis sehen, von denen wir uns zuvor so mühsam und freudig tagelang nach Osten vorgearbeitet hatten, all das scheint uns jetzt unwirklich. Wie seltsam aber ist es, vor dem roten Backsteinbahnhof Suwałkis zu stehen, wo unsere Fahrt ihren Anfang nahm. War es nicht gestern, dass wir die Sippe Pegasus hier verabschiedeten? Wissen wir nicht noch jedes Wort, das beim Aufbruch gefallen ist? Wer von uns wird vielleicht in Jahren oder Jahrzehnten noch einmal genau hier stehen und zurückdenken an diese Momente, Beginn und Ende unserer Fahrt?

Wie um unser Zeitempfinden völlig zu verwirren, bremst plötzlich ein Auto neben uns: „Hey guys, how have you been?“ Heraus winkt der Danziger Student, der uns am Abend des ersten Wandertages in der Scheune seiner Eltern Unterschlupf gewährt hatte: Wir begrüßen ihn überschwänglich und sind noch eine Stunde später aus dem Häuschen wegen dieser völlig unwahrscheinlichen Begegnung.

Der Weg aus dem Stadtkern bis an die Ausfallstraße kostet uns wegen der drückenden Hitze alle Kraft, aber der Tramp hinüber ins Herz Masurens klappt problemlos. Zack, joker und ich geraten an einen Fahrer, der eigentlich nur bis zur Hälfte der Strecke fahren wollte. Als wir aber von unseren Abenteuern erzählen, ist er so begeistert, dass er seine Freundin und seinen Hund abholt und für uns die 50 Kilometer bis nach Giżycko dran hängt. Fast gleichzeitig mit Koala, Quirk und Freddy kommen wir an, und gemeinsam erreichen wir wenig später den vereinbarten Lagerplatz bei Przerwanki, wo wir uns mit Pegasi und Mustangs in den Armen liegen: Welch ein Wiedersehen! Und was alles zu berichten!

Jo. - Über die letzten Tage, die letzten drei Abende und die nächtliche Heimfahrt zu schreiben, fällt immer schwer, zumal die Zeit schneller zu vergehen scheint. Da sind die Stunden, die wir in dem riesigen, verlassenen polnischen Pfadfinderlager verbringen, am Strand, im Wasser oder um das große Feuer, bei Liedern und Erzählungen. Da ist der mühsame Tramp zu eigenartigen Bunkerruinen irgendwo im Ufer der Mausersees, verborgen im Wald, umstellt von polnischen Touristenfängern, die aus diesem trostlosen Ort Kapital schlagen. Da ist der bärtige Alte, der uns auf dem Rückweg zum Lager begegnet und uns warnt, unsere viel zu lange Fahrtenmesser gut verborgen zu halten. Als er hört, dass wir in Mamerki waren, schüttelt er den Kopf und erzählt uns von einem Massengrab, dass hier im Ort gefunden worden ist. Wie so oft endet die Begegnung damit, dass wir ein Lied anstimmen und er den Refrain freudestrahlend mitsummt: In Nischni Nowgorod, da gibt es Salz aufs Brot...

Da ist der letzte Abend. Jede der drei Fahrtensippen steuert etwas zum gemeinsamen Abendessen bei – unser Mitbringsel besteht aus Kachko, bei dessen Verzehr ich noch einmal an den tiefsten See Litauens denken muss, der jetzt viel weiter weg scheint als hundertvierzig oder hundertfünfzig Kilometer. Jede Sippe liest aus ihrer Chronik, und dann kommen wir ins Erzählen von all dem Erlebten, wir übertrumpfen einander mit lustigen oder skurillen Anekdoten und mit Schilderungen der besonderen Momente unserer Fahrten. Immer wieder stimmen wir Lieder an und singen, den Blick in die Flammen des allmählich kleiner werdenden Feuers gerichtet, bis die letzte Flamme erlischt und wir uns in die Finsternis zerstreuen.

Da ist der letzte Morgen, an dem wir erst die Kohte der Runde Pegasus abbauen (für mich eine kleine, späte Vergeltung für den letzten Morgen der letzten Großfahrt) und dann unser eigenes Zelt. Fahrt nach Giżycko, noch einmal Cepelinai oder Kartacze mit Speck und Sauerrahm, dann lesen wir die letzten Seiten der „Roten Hand“ vor und gewinnen sogar einen alten Obdachlosen als unfreiwilligen Zuhörer.

Da ist die erste Etappe der Zugfahrt, die nachmittags beginnt und uns bis fast nach Danzig führt. Im Umsteigebahnhof eine seltsame Begegnung mit einer polnischen Pfadfinderdelegation, die gerade von irgendeinem offiziellen Empfang kommt und sichtlich befremdet ist ob unserer vagantenhaften Erscheinung: Schräge Vögel, wir!

Schließlich finden wir uns an Bord des überfüllten Nachtzugs wieder. Irgendwie schafft es jeder, sich einen Sitzplatz zu erkämpfen. Es geht nach Südwesten. Die Bayards sind im Nu eingeschlafen. Ich unterhalte mich noch lange mit Eddie und Koala, bis auch die beiden wegsacken. Dann stehe ich vor dem Abteil am Fenster und schaue hinaus in die polnische Nacht, und mir wird klar, dass diese Fahrt gerade zu Ende geht: nicht morgen, sondern jetzt, in dieser Stunde, während alles schläft und wir raum- und zeitvergessen durch die Finsternis jagen. Es dauert lange, bis ich mich vom kühlen Fenster loseisen kann und ins Abteil gehe, um auch etwas zu schlafen - tief und traumlos.


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